StartSparkasse Lünen

Werdegang in Lünen

1966 im Jahre meines Berufsbeginns bei der Sparkasse Lünen, war Technik zwar schon gefragt, orientierte sich aber mehr an organisatorischen Regelungen. Mechanische Unterstützung war in  einigen Bereichen gegeben, aber noch nicht in großen Stückzahlen vorhanden. Das hauptsächliche Arbeitsgerät war in der Tat noch das Schreibwerkzeug.

Die EDV gab es noch nicht für das Bankwesen. Das Handwerkzeug war damals noch der Kopierstift, mechanische Schreibmaschinen, Adrema (Adressmaschinen zur Beschriftung von Kontoblättern und Umschlägen für den Kontoauszugversand), Fernschreiber für Blitzgiroabwicklung, sowie Offsetdruckmaschinen für die Vervielfältigung von Informationen. Der Kopierer kam gerade erst auf und auch das Telefon war nur für exponierte Arbeitsplätze verfügbar. Umso interessierter war ich, als die gesamte Belegschaft in der neu erbauten Hauptstelle wegen dieser neuen Technik zusammengerufen wurde. Der Vorstand der Sparkasse hatte die Entscheidung getroffen, sich mit dieser neuen Technik auseinander zu setzen. Dies war ein ganz neues Betätigungsfeld, das die Massentätigkeiten ablösen sollte. Daran war ich interessiert, denn hier ergab sich ein vollkommen neues Aufgabenfeld, dem ich mich stellen wollte. Kurz entschlossen habe ich mich für die neue Stelle in der Orga beworben.
Die damalige Organisationsabteilung hatte eine ganz andere Aufgabenstellung als heute. Die Tätigkeiten waren zwar auch technisch geprägt, beschäftigten sich aber hauptsächlich mit Anschaffungen von Büromaschinen, Büroeinrichtungen und Bautätigkeiten. In der ersten Zeit durfte ich Pläne für die Abwicklung des Jahresabschlusses machen, der bereits im November begann, denn damals wurden die Zinsen noch mit der Hand gerechnet. Es wurden Tabellen vorgerechnet, die für 1 DM und dann weiter in 10er Potenzen den Zinswert enthielten. Die vorgerechnete Zinsen wurden kapitalisiert und der neue Saldo anhand der Tabelle verzinst. Danach kamen die Konten in die Buchhaltung, wo sie für den Jahresabschluss aufgestellt wurden (Kontonummer, Saldo vorgerechnete Zinsen) um daraus eine Anlage für die Bilanz zu erstellen und die Bilanzposition zu belegen. Diese Tätigkeit war sehr fehleranfällig und musste daher immer sehr sorgfältig durchgeführt werden. Zu meinen ersten Aufgaben gehörte die Schichtplanung für die Jahresabschlussarbeiten. Nach der normalen Arbeitszeit wurde die Maschinenbelegung geplant. Von den Buchungsmaschinen war nur eine auf den normalen Betrieb ausgerichtete Anzahl vorhanden, so dass eine effektive Auslastung auch in Nachtschichten notwendig war. Des Weiteren war genau festzuhalten, wer welchen Nummernkreis zu bearbeiten hatte (vorrechnen, nachrechnen, aufstellen, punkten). Die festgestellten Fehler mussten zugeordnet werden, damit die Aufgaben entsprechend der Zuverlässigkeit zugewiesen werden konnten.
An Maschinen wurden riesige Buchungsautomaten eingesetzt, die für jede Dezimalstelle vor und hinter dem Komma eine eigene Taste besaßen. Diese Maschinen waren "programmierbar", in dem auf einer Steuerschiene Reiter gesetzt werden konnten, die die Tabulatorposition für den Andruck und eine eventuelle Rechenfunktion (nur Saldierung) bestimmten. Diese Tätigkeit waren den Experten vorbehalten.
Daneben gab es auch noch Saldiermaschinen mit Schüttelwagen, die ebenfalls einen höllischen Lärm machten, da der ganze Wagen mit der Walze bewegt wurde (der Druckkopf war fest).
Sobald eine Multiplikation erforderlich wurde (zum Beispiel für Sortenabrechnungen) kam die damals sehr verbreitete Brunsviga oder Facit zum Einsatz. Diese Maschinen waren mit einer Kurbel ausgestattet, um entsprechend der Wertigkeit in der Stelle des Multiplikators die Anzahl der Umdrehungen vorzunehmen. Hier gab es kein Druckwerk, so dass eine zweite Person zur Kontrolle die gleichen Arbeitsschritte nachvollziehen musste.
In den Kassen wurde das Belegträgersystem mit der Stapelbuchführung eingesetzt. Der Kunde kam mit dem Scheck zum Schalter, wo Deckung und Unterschrift geprüft wurde. Zur Absicherung gegen nachträgliche Änderungen wurde eine Kontrollzahl aus einer tagesspezifischen Zahl und dem Betrag ermittelt und der Kunde dann zur Kasse gebeten. Der Scheck wurde in einer Quittungsmaschine erfasst, die neben dem Quittungsdruck auf dem Beleg auch einen Journalstreifen bedruckte. Die unterschiedlichen Kassenbelege wurden zum Tagesabschluss noch einmal nach Bar Soll, Bar Haben, Scheck- und Giroausgang aufgestellt und dann zur Weiterbearbeitung an die Buchhaltung weitergegeben, wo die Belege aller Kassen zu einem Ausgang zusammengestellt und erneut abgestimmt wurden. Die Schecks und Einzahlungen zu den eigenen Konten wurde in Belegtaschen zum Konto sortiert. Während der Geschäftsgirobereich täglich gebucht wurde, wurden die Privatgirokonten nur einmal in der Woche gebucht. Für einige war dann der Mittwochnachmittag vor dem 15. bereits Zahltag, wenn das Geld bis dahin nicht gereicht hatte. 
Dass dieses Verfahren sehr arbeitsaufwendig und fehlerträchtig war, ist sicher schnell einzusehen. Dazu kam, dass der bargeldlose Zahlungsverkehr durch die massive Kontoeröffnung enorme Wachstumsraten zu verzeichnen hatte. Als Stift hatte ich dem Schichtdienst der Kumpel angepasst, in der Lichthalle hunderte von Girokonten angelegt.
Die Stapelverarbeitung sollte durch ein neu zu entwickelndes Programm automatisiert und damit auch täglich abgewickelt werden. Die angeschaffte IBM 360/20 mit 16KB Hauptspeicher und 2 Magnetplattenstapel zu je 4,5 MB Speicher sowie einem Schnelldrucker mit 36.000 Zeilen pro Stunde benötigte den Platz von ca. 60 qm und war mit mehreren 100.000 DM wahnsinnig teuer. Auf dem Markt gab es damals keine Standardprogramme, die eingesetzt werden konnten. Alles war individuell gestrickt und musste von den eigen ausgebildeten Programmieren geschrieben und getestet werden. Die verfügbaren Zeiten für die Maschinenbelegung waren knapp, da der Tagesbetrieb abgewickelt werden musste und Testzeiten teilweise an andere Unternehmen vermietet wurden.
Als die ersten Anwendungen standen war doch eine erhebliche Zeitersparnis zu verzeichnen. Durch die Reduzierung der Arbeitsschritte (die Umsätze wurden jetzt auf Lochkarten erfasst und anschließend maschinell weiterverarbeitet) fielen etliche Arbeitsplätze in Buchhaltung und Marktfolgebereich weg. Hier war aber erst der erste Schritt der Automation getan. Die 1969 erstmalig eingesetzte wurde nach und nach auf alle Arbeitszahlbereiche ausgedehnt. Immer mehr Sparkassen bedienten sich dieser neuen Verfahren, so dass auch die Entwicklung einer gemeinschaftlichen Lösung in Rechenzentren Sinn machten. Zu der Zeit gab es noch keine Datenleitungen, so dass die erfassten Belegdaten per Kurier nach Münster geschafft werden mussten und der Bote auf die Ausgabe der Kontoauszüge und Listen warten musste. 
Die nächste Optimierung kam mit dem Angebot von 9600 Baud-Datenleitungen, die für die Dauer der Übertragungszeit angemietet wurden. Die Kartenlocher waren in-zwischen durch Streifenlocher abgelöst. Die einzelnen Streifen der Lochmaschinen wurden zusammengeklebt und die mehrere Hundertmeter lange Spule wurde wäh-rend der Übertragung in einem großen Waschkorb abgelegt. Die Leitungen mussten ständig synchronisiert werden, damit keine Übertragungsfehler entstanden. 
Anekdote: Während die EDV hauptsächlich eine Männerdomaine war, gab es vereinzelt auch weibliche Operatoren. In der straffen technischen Sprache kam dann einmal folgender Spruch zustande: Liege synchron, bin bereit zu empfangen. Das dieser Text seine Runde machte, war doch wohl klar.
Die nächste Stufe der Automation begann mit der Einführung der online-Verarbeitung. Wieder war es das Ziel die Zahl der Arbeitsschritte zu reduzieren und die Disposition und Buchung in einem Arbeitsgang abzuwickeln. Hersteller wie IBM oder Nixdorf hatten die ersten System erfolgreich im Einsatz, als Phillips vertreten durch das Verwaltungsratsmitglied Kremer in Lünen und Werne vorstellig wurde, um ein drittes System auf den Markt zu bringen. Die vorliegenden Vorgaben des Rechenzentrums waren äußerst spärlich, so dass es eine große Herausforderung und ein ziemliches Risiko war, die Entwicklung voranzutreiben. In zähen Verhandlungen wurde ein Vertragswerk aufgesetzt, dass die beiden Sparkassen weitgehend vom Risiko befreite. Für die Entwicklung dieses Systems wurde ich abgestellt. Da es kein Pflichtenheft für die Programmierung gab und die Systeme auf unterschiedlichen Technologien basierten, mussten wir uns etwas einfallen lassen. Ich hatte mich damals schon der Fotografie verschrieben, so dass schnell in mir die Idee reifte, alle Bildschirmaufbauten und Fehlermeldungen zu fotografieren. Gesagt getan, wir fuhren mit meiner Fotoausrüstung und reichlich Schwarz-weiß-Filmen nach Münster und nutzten die Testsysteme. Jede Transaktion mit den unterschiedlichen Konstellationen und Fehlersituationen wurde aufgenommen und dokumentiert und mit erheblichen Gehirnschmalz in eine Programmiervorgabe umgesetzt. Nach sechs Monaten war das System dann einsatzbereit. Mit großer Skepsis wurde unser an sich erfolgreiches Unterfangen beobachtet. 
Das Rechenzentrum war uns nicht wohlgesonnen, da sie nur 2 Hersteller betreuen wollten, IBM und Nixdorf wollten sich den Markt teilen, so dass wir immer hinter den Neuerungen hinterherliefen und es zu Problemen kam, wenn die Schnittstellendefinitionen sich änderten. Es wurde dann noch schwieriger, als eine neue Technologie für die offline-Verarbeitung eingeführt wurde, die den Einsatz der damals ganz neuen Floppy-Technologie erforderte. Da keine neuen Anwender gefunden wurden, wollte Phillips aufgrund der neuen Investitionsanforderungen kein weiteres Risiko mehr eingehen und ließ das Projekt sterben. Die Kassierer haben dem System nachgetrauert.

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